Ribnitz-Damgarten
Acht Jahrhunderte Stadt- und Klostergeschichte an der Ostseeküste
Die Ursprünge von Ribnitz-Damgarten reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Um 1200 entstand auf dem heutigen Stadtgebiet von Ribnitz eine Burg der mecklenburgischen Fürsten – als strategischer Verteidigungspunkt für den wichtigen Übergang über die Recknitz. Bereits 1233 wurde „Rybanis“ erstmals urkundlich erwähnt. Auf der gegenüberliegenden Flussseite gründete Fürst Jaromar von Rügen um 1250 eine Festung; 1258 erhielt das Dorf „Damechore“ das Stadtrecht. Beide Ortsnamen haben slawische Wurzeln: Ryba (Fisch) und Dam/Gora (Eiche/Berg).
Mittelalter: Klöster, Städte und Handel
Die junge Stadt Ribnitz wurde nach mittelalterlichem Plan angelegt: mit Kirche, Marktplatz, Stadtmauer und fünf Toren. 1323 gründete Heinrich II. von Mecklenburg auf dem ehemaligen Burghof ein Klarissenkloster. Es wurde mit Landbesitz rund um die Stadt schnell zu einem wirtschaftlich mächtigen Zentrum. Nach dem Tod der letzten Äbtissin 1586 wandelte man das Kloster in ein adliges Damenstift um.
Der wirtschaftliche Aufstieg Ribnitz’ wurde durch das Zuschütten der Verbindung zwischen dem Ribnitzer See und der Ostsee bei Wustrow (um 1390) gebremst. Der Anschluss an die bedeutenden Handelsrouten der Ostsee blieb aus. Stattdessen wurde Ribnitz eine Zwischenstation auf der Route von Brügge bis Königsberg.
Kriege, Brände und Pest
Beide Städte litten unter zahlreichen Stadtbränden (1384, 1455, 1537) und der Pest. Allein der Epidemie von 1624–1626 fielen 448 Ribnitzer*innen zum Opfer. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde Damgarten mehrfach belagert; 1630 eroberten schwedische Truppen unter Gustav Adolf beide Städte.
Auch das 18. Jahrhundert blieb unruhig: Dänen, Schweden, Sachsen und Preußen marschierten mit ihren Truppen durch Ribnitz und Damgarten. 1759 vernichtete ein großer Stadtbrand rund 90 % der Ribnitzer Wohnhäuser.
Aufschwung durch Schiffbau und Industrie
Ab etwa 1750 begann in beiden Städten der Bau seetüchtiger Schiffe. Die Schifffahrt florierte – bis die Napoleonischen Kriege und die Kontinentalsperre diesen Aufschwung unterbrachen. Zwischen 1830 und 1878 entstanden in Ribnitz und Damgarten 106 Holzschiffe mit bis zu 46 m Länge und 760 t Tragfähigkeit. 1832 wurde in Ribnitz die erste Werft gegründet, 1852 folgte die Glashütte Damgarten.
Unter Bürgermeister Friedrich Ludwig Nizze (1835–1870) und seinem Sohn Reinhold (1870–1902) wandelte sich das Stadtbild: Mauern und Tore fielen, Wohngebiete wuchsen, Parks entstanden, der Klosterteich wurde trockengelegt.
Moderne Infrastruktur und wirtschaftliche Krisen
Mit dem Bahnanschluss 1888/89 wuchsen beide Städte weiter. Doch die Weltwirtschaftskrise traf sie hart: 1932 musste Ribnitz sogar Konkurs anmelden.
NS-Zeit: Kriegswirtschaft und Bevölkerungsanstieg
1935 begann der wirtschaftliche Aufschwung durch die Rüstungsindustrie: In Ribnitz nahmen die Walther-Bachmann-Flugzeugwerke ihren Betrieb auf, in Damgarten entstand ein Fliegerhorst. Neue Siedlungen wuchsen am Stadtrand – die Bevölkerungszahlen verdoppelten sich bis 1939 (Ribnitz: ca. 8.000; Damgarten: ca. 4.000). Bombardierungen blieben beide Städte trotz ihrer militärischen Bedeutung erspart.
Am 1. Mai 1945 marschierten Häftlingsfrauen aus dem KZ-Außenlager Barth durch Ribnitz. Bürger*innen verhinderten ein geplantes Massaker. Noch am selben Tag wurde die Stadt kampflos der Roten Armee übergeben.
Nachkriegszeit und Neubeginn
Tausende Geflüchtete kamen 1945/46 nach Ribnitz und Damgarten. Die Not war groß, doch mit dem Aufbau der Boddenwerft auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorsts begann eine neue wirtschaftliche Etappe. Flüchtlinge und Fachkräfte aus der Flugzeugproduktion fanden Arbeit – bis die Sowjetarmee das Gelände beanspruchte.
1950: Vereinigung zur Doppelstadt
Am 1. Juli 1950 wurden Ribnitz und Damgarten zur Doppelstadt vereint. Die Stadt entwickelte sich zur Industriestadt mit bedeutenden Betrieben wie dem Faserplattenwerk, dem VEB Ostseeschmuck und dem VEB riled Lederwaren – ein Zentrum der Konsumgüterproduktion in der DDR bis 1990.
Weiterführende Literatur zur Stadtgeschichte
- Geschichte der Stadt und des Klosters Ribnitz, Paul Kühl, 1933 / Neuauflage 2008
- Stadt Ribnitz in Vergangenheit und Gegenwart, Karl Krambeer, 1938
- Zur Geschichte der Städte Ribnitz und Damgarten, Hans Erichson, 1997
- 50 Jahre Stadt Ribnitz-Damgarten, 2000
- Chronik der Stadt Damgarten, Karl Anklam (Hrsg. Stadt Ribnitz-Damgarten), 2008
- 775 Jahre Ribnitz – 750 Jahre Damgarten, Beiträge zur neueren Stadtgeschichte, 2008
- Passgänge. Diesseits und jenseits der Recknitz, Bände I–III, Freundeskreis Kloster- und Stadtgeschichte e.V., 2013/2014/2017
